Jerusalem, die Freie
„An den Strömen Babels saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. An den Weiden, die dort sind, hängten wir unsere Lauten auf. Wie sollten wir ein Lied des Herrn singen auf fremdem Boden?
Vergesse ich dich Jerusalem, so erlahme meine Rechte! Meine Zunge soll kleben an meinem Gaumen, wenn ich nicht an dich gedenke, wenn ich Jerusalem nicht über meine höchste Freude setze!“ Psalm 137, 1-6
In Babel, der Stätte ihrer Gefangenschaft, sitzen die Kinder Israels und weinen. Das Volk Gottes zerstreut und vertrieben in ein fremdes Land, umgeben von Peinigern und bedrohlichen Gegnern. Die Tränen kommen ihnen, wenn sie an Zion, der Ort der Freiheit und Übereinkunft mit ihrem Herrn, denken. Das Singen ist dem Volk Gottes vergangen, die Zeit der Freude vorbei. Ihre Instrumente haben sie an den Nagel gehängt. Im Angesicht der Peiniger zu singen, von Freiheit und Frieden, dem geliebten Jerusalem, das fällt ihnen schwer. Sie fragen sich: Wie können wir als Gefangene von Freiheit singen? Wie können Gefangene von einer Freude singen, an der sie keinen Anteil haben?
Der Schmerz über das verlorene Jerusalem sitzt so tief, dass Gesang nicht denkbar ist.
Gefangenschaft gibt es auch heute noch: Für viele verfolgte Christen ist es eine sichtbare, körperlich erfahrene Gefangenschaft, für viele andere ist es eine innere Gefangenschaft. Süchte und Ängste, Zwänge und Bindungen machen nicht Halt vor dem Volk Gottes.
Wehmütig und manchmal vielleicht auch neidisch sehen wir, an den Strömen unserer Gefangenschaft sitzend, hinüber zu denen, die in der vollen Freiheit der Kinder Gottes leben.
So geht es dir vielleicht auch: Das Singen ist dir vergangen, du kannst die „Zionslieder“ deiner Geschwister vielleicht gar nicht mehr hören, du fragst dich, ob es nicht Heuchelei ist, in Babel sitzend von Jerusalem zu singen.
Jerusalem steht nicht nur im Alten Testament für die Stadt des Heiligtums, des Tempels, die Heilige Stadt, Ort der Freude und der Übereinkunft mit Gott, sondern auch im Neuen Testament ist Jerusalem die Stadt der Freiheit, der Gegenwart Gottes, die Stadt, auf die sich unsere Hoffnung richtet.
Hier muss man jedoch genau hinsehen: Es gibt das irdische Jerusalem, welches, wie wir es nahezu täglich in den Nachrichten sehen können, ein Schauplatz des Mordes, kriegerischer Aktivitäten und verzweifelter Kämpfe ist. Und es gibt das himmlische Jerusalem, die „obere, die heilige Stadt“ (Gal. 4,26), „die geschmückte Braut“ (Offb. 21,2), den Ort der ungeteilten Gegenwart und Herrschaft Gottes. Sie wird „die Freie“ genannt (Gal. 4,26) und ist nicht zu verwechseln mit „dem jetzigen Jerusalem, das samt seinen Kindern in Gefangenschaft ist“ (Gal. 2,25)!
Das irdische Jerusalem bringt Jesus dazu, in Tränen auszubrechen (Lk. 19,41). Es ist die einzige Stadt über die Jesus weint. Er weint deshalb bitterlich über Jerusalem, weil gerade die Stadt der Verheißung, die Herrliche, die Vollkommene, ihn, den Sohn Gottes ablehnt, die Propheten verfolgt und tötet. Die Verfehlungen Jerusalem treffen Jesus so schwer, gerade weil Jerusalem eine andere Bestimmung hat. In Offenbarung 21,2 steht: „Und ich (Johannes) sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabsteigen, zubereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen; und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott.“
Jerusalem, die Schöne und Unvergängliche, Ort der Vollendung: „Die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des Mondes, dass sie in ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.“ (Offb. 21, 23) „Das obere Jerusalem aber ist frei, und dieses ist die Mutter von uns allen.“ (Gal. 4,26) Das „obere Jerusalem“ ist dein Ort der Bestimmung, das freie Jerusalem ist deine wahre Heimat. Du bist ein Kind des oberen Jerusalems, kein Kind der Gefangenschaft!
Auf diese erleuchtete und helle Stadt sollen wir unseren Blick richten. Weil sie unsere Bestimmung ist, nicht die irdische!
Der Psalmbeter drückt es drastisch aus: „Vergesse ich dich Jerusalem, erlahme meine Rechte! Meine Zunge soll mir am Gaumen kleben, wenn ich dich, Jerusalem, nicht über meine höchste Freude setze.“
Das Lied der gefangenen Kinder Israel gibt uns eine klare Anweisung, wie unser Leben zu ordnen ist: Jerusalem, die Freie, soll über allem stehen. Auch das, was uns als höchste Freude im Leben erscheint, soll nicht ihren Ehrenplatz einnehmen. Kein Mensch, kein Ding, keines unserer Werke verdient diesen Ehrenplatz, ja schlimmer noch: Kein Mensch, kein Ding, kein Werk kann diesen Platz ausfüllen. Da, wo Menschen und Dinge an die erste, die bestimmende Stelle in unserem Leben treten, setzt die Entwürdigung der Menschen, die Entwertung der Dinge und Werke ein.
Indem wir „Jerusalem“, die Stätte der ungeteilten Vertrautheit mit Gott, den Ort der herrlichen Freiheit der Gotteskinder, vergessen, erleben wir unerbittliche Gefangenschaft. Gebunden an das, was Jerusalems Stelle in unserem Herzen eingenommen hat, quälen wir uns mit einem ungeordneten Dasein herum. Die Stelle Jerusalems, der Freien, können Menschen, dein Ego, Aktionismus oder Besitztümer einnehmen, sie alle haben ihren Wert, und kehren sich doch gegen dich, wenn du sie zu deiner höchsten Freude machst.
Umgekehrt dürfen wir erfahren: Gerade dadurch, dass Jerusalem unsere erste Aufmerksamkeit zufällt, wird alles andere belebt. Jede Beziehung, jeder Mensch, jedes Ding erhält den ihm zugedachten Platz. Lebensförderliche Ordnung vollzieht sich. Freiheit zieht in jeden Lebensbereich ein.
Wenn Jerusalem, der Ort deiner Bestimmung, der Ort deiner Freiheit, dein ganzes Sein erfüllt.
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13. Juni 2010 







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