Dreißig

„Jugend ist kein Lebensabschnitt, sondern eine Geisteshaltung.“ Marc Aurel

Dreißig. Klar, dass man sich langsam Gedanken über das Ende der Adoleszenz macht, klar, dass man auch mal um seine Jugend bangt. Mit 29 hatte ich eine Krise deswegen. Ich lebe ziemlich gerne, und fand den Gedanken erschreckend, dass das, was viele ‚die schönste Zeit‘ nennen, langsam dem Ende zugeht. Freundlich wie der Herr ist, zeigte er mir damals sehr deutlich, dass es mir heute viel besser geht, als mit 20. Mit 20 steht die Identitätssuche im Mittelpunkt, mit 30 das Leben und was es hervorbringt. Führe ich das Leben, zu dem ich gemacht bin oder nicht, lautet die Schlüsselfrage. Die Radikalität Unwesentliches abzuschneiden nimmt zu. Der Mut man selbst zu sein auch. Das ist Grund zur Dankbarkeit.

Keine Frage: Es ist gut jung oder jugendlich zu sein. Jung sein und jugendlich sein ist allerdings noch kein Ausweis von Glück, erfüllender Lebensführung oder sinnvollem Dasein. Alle, die in einer End-Zwanziger- Krise (oder einer anderen altersbedingten) Krise stecken, möchte ich an jene wunderbaren Psalmen erinnern, in denen es heißt: Wer an den Wassern Gottes gepflanzt ist, der darf selbst in einer Umgebung von Dürre grünen und Frucht bringen. (Ps. 1) Die auf Gott vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie ein Adler. (Ps. 39,31) Neulich hat mir eine liebe Freundin erzählt, dass Adler Tiere sind, die alle sieben Jahre ihr Gefieder wechseln. D.h. sie werden immer wieder erneuert und dürfen sich dann mit neuem Gefieder aufschwingen.

Die Fähigkeit zur Erneuerung erscheint mir wesentlich für eine jugendliche Geisteshaltung. Nicht zuletzt ist sie auch eine biblische Tugend: „Darum erneuert euren Geist und Sinn!“ (Eph. 4,23)

Die Fähigkeit Routinen zu durchbrechen und sich dem Unbekannten auszusetzen, ist ein weiterer Bestandteil ‚ewiger Jugend‘. Mit Kindern und Jugendlichen zusammen zu sein ist unter anderem deswegen so reizvoll, weil man immer wieder mitbekommt, wie eine(r) von ihnen das erste Mal eine Sache sieht, erfährt oder erkennt. Das ist für mich eine der schönsten Sachen an meiner Arbeit: Ich werde nicht nur Zeugin davon, wie jemand das erste Mal etwas sieht oder erkennt, sondern ich kann diese Prozesse auch noch einleiten, antreiben oder intensivieren.

Für mich ist die Fähigkeit etwas ‚zum ersten Mal‘ sehen zu können, keine vorübergehende Phase, die der Kindheit und Jugend vorbehalten bleibt, sondern eine Lebenseinstellung.
Voraussetzung: der Mut sich dem Unbekannten auszusetzen.
Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gesehen oder erkannt?

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1 Antwort zu “Dreißig”

  1. Wiedermal ein toller Beitrag. Ich liebe es, mich dem Unbekannten auszusetzen, das macht das Leben zu einem Abenteuer. Auch wenn die eigenen Gefühle manchmal vor Unsicherheit strotzen… diese Geisteshaltung ist meiner Meinung nach voll gut. Ich glaube, das hält mich auch glaubensmäßig lebendig.

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