Weinend am Straßenrand
Joggen im Berliner Tiergarten kann so schön sein. Joggen im Tiergarten kann so schlecht sein. Ich war mit Jonathan morgens an der Spree joggen. Dann in den Tiergarten gelaufen, total schön, romantische Brücke, die Siegessäule in Sichtweite. Wir treffen einen Mann mit seiner Hündin, die Jonathan gefällt. Er rennt sofort hin und spielt mit ihr. Ich halte den Blickkontakt so gut es geht. Beim nächsten Mal Hinsehen ist er weg. Die Hündin sitzt neben ihrem Herrchen, der eifrig telefoniert. Ich rufe ohne Erfolg nach meinem Hund. Ich schreie dem Typ zu, ob er gesehen hat, wohin Jonathan gerannt ist. Er weist in eine Richtung, ich renne dort entlang, pfeifend, rufend, nichts. Zwei Fahrradfahrerinnen, die einzigen zur frühen Stunde, haben ihn nicht gesehen. Langsam leicht panisch stehe ich mitten in einem Riesenpark, den ich nicht kenne, und habe meinen Hund verloren.
Irgendwann kommt ein Mann auf dem Fahrrad vorbei, der Jonathan gesehen hat, ich renne in die angesagte Richtung. Immer noch keine Spur. Wahrscheinlich bin ich an die falsche Stelle gelaufen. Dann kommt eine Frau englischsprechend auf mich zu und sagt, sie könne mich zu dem Platz führen, wo sie Jonathan das letzte Mal gesehen hat. Ich bin natürlich total froh, dass sie zu wissen scheint, wo er ist. Wir rennen durch den Park. Bis wir direkt vor der Siegessäule stehen: Eine Kreuzung, mit vierspuriger Straßenführung und Arbeitsverkehr von vier Seiten. Jonathan natürlich nicht da, wo sie ihn das letzte Mal gesehen hat. Die Frau hatte versucht ihn festzuhalten, aber lässt sich nicht anfassen. Grundsätzlich nicht von Fremden. Als ich den Verkehr sehe, werde ich mutlos. Weil ich es mir nicht vorstellen kann, wie er da heil durchkommen soll.
Zwei Frauen kommen dazu und sagen, sie hätten ihn auf der anderen Straßenseite gesehen. Ich renne über die Ampel, schreie, und sehe ihn immer noch nicht. Die Leute, die ich frage, können mir nicht weiterhelfen. Niemand hat ihn gesehen. Ich denke, ich bin auf der falschen Seite. Bis plötzlich eine ältere Frau hinter mir ruft: Da ist er doch! Und ich sehe, wie Jonathan die Straße entlangläuft, sichtlich durcheinander.
Ich schreie und er rast zu mir und wirft mich fast um. Wiedersehen. Zusammenbruch an der Siegessäule. Weinend am Straßenrand. Verschwitzte Frau mit aufgedrehtem Hund.
Das bin ich. An einem sonnigen Morgen in Berlin.


21. September 2009 







wow. Linda wenn du so ne geschichte nochmal so spannend schreibst. ich dachte schon jonathan wäre nicht mehr. puhhh. Knuddel ihn mal von mir den alten stinker. :-D
viel spaß noch in berlin.