Was ist Wahrheit?
Heute gebe ich euch einen kleinen Mitschnitt aus einer heißen Diskussion, die in unserer Küche am Wochenende stattfand. Es fing mit der Frage an, inwieweit Gott aktiv ins Weltgeschehen eingreift. Natürlich greift Gott ein, er kann gar nicht anders, weil er Liebe ist, sagte ich. Wir sind sein verlängerter Arm, d.h. wenn wir uns nicht gebrauchen lassen, kann der Wille Gottes an Menschen und in Situationen nicht erfüllt werden, sagte ein Anderer. Gott ist abhängig von uns, behauptete die eine Seite, wir sind abhängig von ihm, die andere. Damit wir Gott erfahren können, müssen wir uns für ihn öffnen, hieß es. Manchmal können wir uns gar nicht öffnen, dann kommt Gott uns entgegen, entgegnete ich. Weil man selbst oder andere darum gebeten haben, geschieht Veränderung. Durch Gnade und Güte übertrifft Gott, das was wir uns vorstellen oder erbeten können, bei weitem, schrie ich.
Da die Diskussion ca. zweieinhalb Stunden in Anspruch nahm, war ich anschließend stark erschöpft und fragte mich,- wie so oft-, was Diskussionen überhaupt bringen. Nachdem ich darüber geschlafen und gebetet habe, bin ich zu folgenden Schlüssen gekommen:
Die Diskussion war besonders dann anstrengend, wenn es in einzelnen Äußerungen darum ging, die eigene Ansicht als die Säule des Glaubens schlechthin zu verkaufen. Ganz so, als stehe und falle alles mit dieser einzigen Annahme. Die Diskussion hat sich deshalb so anstrengend und zeitintensiv gestaltet, weil die Akteure ihre Erkenntnis in Schärfe vorgebracht und weitgehend auf relativierende Äußerungen verzichtet haben. Dadurch ist das Anliegen jedes Beteiligten deutlicher geworden, was ich begrüßenswert empfand. Gleichzeitig hat es nach der ‚Steilvorlage‘ eine lange ‚Ent-Dröselungs-Phase‘ gebraucht, um sich gemeinsamer Grundlagen wieder zu versichern.
Theologische Ansichten verändern sich mit den Erfahrungen, durch die wir gehen. Während für Einen aufgrund seiner Begabung die Verantwortung des Christen in der Welt das brennendste Anliegen ist, lehrt Gott den Anderen gerade, was seine Gnade bedeutet.
Problematisch finde ich es, wenn wir die Ko-Existenz unterschiedlicher Theologien in einem Team, einer Gemeinde, einem Werk niederreden. Der Versuch eine gültige Theologie für alle vorzugeben, hat mehr mit Gleichmacherei und Kontrolle zu tun, als mit echten Überzeugungen und einer Diskussionskultur, in der Menschen um Wahrheit ringen. Nur weil es formulierte Glaubensgrundsätze und theologische Überzeugungen in den meisten Gemeinden gibt, ist damit noch nicht gewährleistet, dass Einzelne diese persönlich nachvollziehen (können und wollen). Mir sind die theologischen Diskussionen am liebsten, in denen um den Zusammenhang zwischen Leben und Gottes Wort gerungen, und nicht ein Schlagabtausch von Argumenten betrieben wird. Letztere zu vermeiden und sich auf erstere zu konzentrieren, ist schwer. Deshalb plädiere ich dafür, das Entweder-Oder-Wahrheitsmodell durch einen mehrperspektivischen Wahrheitsbegriff zu ersetzen. Dies ist vergleichbar mit dem Blick auf ein Kunstwerk: Die Schönheit und Außergewöhnlichkeit eines Kunstwerks erschließt sich vor allem dann, wenn wir verschiedene Perspektiven auf das Kunstwerk zusammenwerfen.
Wir glauben an einen unsichtbaren Gott, dessen völlige Erkenntnis wir erst nach unserem Tod erlangen. Warum denken wir dann unsere neueste Erkenntnis sei die letztgültige? Vielleicht können scheinbar widersprüchliche Aspekte auch nebeneinander stehen. Als verschiedene Eigenschaften des einen Gottes.
Gott ist immer größer. Und die Wahrheit auch.
„Darum bete ich, dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, damit ihr in Liebe gewurzelt und gegründet, dazu fähig seid, mit allen Heiligen zu begreifen, was die Höhe, die Breite, die Tiefe und die Länge sei, und die Liebe des Christus zu erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt, damit ihr erfüllt werdet bis zur ganzen Fülle Gottes.“ Eph. 3,17 ff
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8. September 2009 







Gut reflektiert!
Amen dazu.
Leider ist eine Koexistenz verschiedener theologischer Positionen in den meisten Gemeinden, die ich erlebe, nicht erwünscht. Oder zumindest wird darüber nicht gesprochen, wenn es sie gibt. Und wenn diskutiert wird, dann hat meistens der studierte Pastor das letzte Wort.
Die Gemeinschaft im Geist trotz unterschiedlicher Positionen habe ich bisher nur an meiner Ausbildungsstätte (CVJM-Kolleg Kassel) erlebt… dafür dort aber richtig intensiv und bereichernd!