Wer glaubt, der sieht

Vielleicht habt ihr euch auch schon mal gefragt, weshalb im Neuen Testament neben den Heilungen von Blinden, häufig Vergleiche und Gleichnisse erzählt werden, die von Hindernissen der Sehfähigkeit ( „der Balken im Auge“) oder von Licht und Dunkelheit („Ich bin das Licht der Welt“ , „von der Finsternis ins Licht kommen“) handeln.
In meinem letzten Beitrag „Die Spuren Gottes“ habe ich beschrieben, dass Danken ein Deutungsakt ist: Eine Erfahrung wird im Licht des Glaubens als Eingreifen Gottes gedeutet. Wem dieser Glaube fehlt, der deutet Widerfahrnisse aufgrund von anderen Prämissen, z.B. Werten, Idealen und Weltbildern, die von Eltern, Freunden oder andere Quellen stammen können. Wer glaubt, der sieht. Und zwar anders und mehr.
Wenn Jesus sagt, ich bin gekommen den Blinden die Augen zu öffnen, dann ist damit neben der Heilung von blinden Augen, auch die Rettung von Menschen gemeint, die vorher ‚blind‘ für die Liebe Gottes gewesen sind. Menschen, die nicht glauben, leiden insofern an einer Blindheit des Herzens. Sie können nicht sehen, was Jesus für sie getan hat, sie können das Wirken Gottes in ihrem Leben nicht erkennen. Widerfahrnisse werden dann als Zufall, Bestätigung des vorhandenen Weltbildes oder als Schicksalsschlag gedeutet. Der Willen Gottes ist ohne Glauben nicht erkennbar.

Im Hebräerbrief steht: „Ohne Glauben ist es nicht möglich Gott zu gefallen.“ (Hebr. 11,3) Anders gesagt: Der Glauben macht uns erst annehmbar und gerecht vor Gott. Nicht unsere Performance! Der Glauben befähigt das Unsichtbare zu sehen. Ohne Glauben ist es nicht möglich, Gott zu erkennen.

Manchmal fällt es mir schwer, obwohl ich schon seit Jahren Christ bin, Widerfahrnisse im Licht des Glaubens zu sehen. Die ‚Sehfähigkeit‘ von Jesus-Nachfolgern kann folglich stark variieren, expandieren oder auch schrumpfen. Indem Erfahrungen im Hinblick auf Gott gedeutet werden, erweitert und verändert sich unser Gottesbild. Z.B. kann ein unerwartetes Geldgeschenk unseren Glauben an Gott als unseren Versorger vergrößern. Es gibt allerdings Situationen, in den Gott uns auf eine Weise begegnet, in der wir ihn nicht erwartet haben. Dies können Zeiten, in denen du denkst, Gott habe sich aus deinem Leben zurückgezogen. Du kannst sein Wirken nicht erkennen, fühlst dich verlassen von ihm. Diese Zeiten sind nicht nur anstrengend, sondern auch entscheidend für unseren weiteren Weg mit Jesus. Diese ‚Stretching-Situationen‘ tragen entweder dazu bei, dass unser Gottesbild erweitert wird und der Glauben haltbarer wird oder dass wir uns z.B. aus Enttäuschung von Gott abwenden und der Glauben schrumpft.

Ich schreibe das, um dich für deine gegenwärtige Situation zu sensibilisieren. In welcher Phase befindest du dich gerade? In welchem Licht siehst du deine Erfahrungen?
Wer glaubt, der sieht. Anders und mehr. Was siehst du in deinem Leben?
Die unverarbeitete Enttäuschung von gestern ist die Feindin des Glaubens von heute.
„Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, so dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist. …

Ohne Glauben ist es unmöglich Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass er ist und dass er die, die ihn suchen, belohnen wird.“ Hebr. 11, 3 & 6



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